Fragmente

Dieser blog zeigt in lockerer Folge Auszüge aus dem Online-Fragmentroman „Das Land aller Übel“ von Thomas Körner. Der Roman enthält in neun Teilen, die Körner Fragmente nennt, mehr als 7.000 Seiten.

Sie können sich aber auch gleich in den Roman selbst begeben, den der Autor Körner als eine Art Archiv gedacht hat, in dem man umhergehen kann, sich umsehen kann wie in einem Museum oder einer Ausstellung.

Jedes Fragment, das man jeweils als eigenen Archivraum sehen kann, hat Körner auf andere Art konzipiert. Mal handelt es sich um Wortspiele, mal nennt Körner es Lesespiel oder Theaterszene. Der Leser muss manchmal erst herausfinden, auf welche Weise er sich im Fragment fortbewegen kann.

Dabei möchte ich Sie bitten, mal darauf zu achten, welche verschiedenen Techniken Körner nutzt, um Sie zu einem entschleunigten, vertieften Lesen anzuregen.

Zugang zum Fragmentroman „Das Land aller Übel“

Zum besseren Verständnis wird hier eine Tabelle der Fragmente und ihrer Inhalte aufgeführt:

Fragment vom Wort –
Wortinstallationen, die an öffentlichen Straßen, Plätzen und Gebäuden in Berlin (Ost) verortete sind.
Die Sprache stammt aus in der DDR üblichen Wortkonstellationen wie Losungen, Aufrufe der Partei an Jahrestagen, Inschriften in Denkmälern und Gebäuden

Fragment vom Buch – EGSS oder die Einheitskartei – System einer Lebensweise in fünf Karteikästen

Das Fragment teilt sich nochmals auf in 5 Karteikästen mit folgenden Inhalten:

Fragment vom Buch Erster Kasten – (Arbeitsbuch)
Das Arbeits-Programm bzw. das Roman-Konzept Körners, das er als theoretische Literatur bezeichnet

Fragment vom Buch Zweiter Kasten – (Wörterbuch)
Sammlung von Wörtern, die Körner bereits (z.T. ironisch) mit neuem Sinn belegt hat oder möchte oder deren Bedeutung der Leser selbst für sich ergänzen kann  

Fragment vom Buch Dritter Kasten – (Sachbuch)
Sehr umfangreicher Karteikasten, der (endlich einmal) das Subjekt als Individuum thematisiert, was in der am Kollektiv ausgerichteten DDR nicht gern gesehen war und aus marxistisch/sozialistischer Sichtweise (Ideologie!) nicht vorgesehen war.

Fragment vom Buch Vierter Kasten – (Fachbuch)
Hier versammelt Körner sein persönliches Kollektiv an Schriftstellern, die er gelesen hat. Über seine Lese-Erlebnisse und Erkenntnisse führt er systematisiert formularhaft Buch, eben Kartei. Daran zeigt er beispielhaft den Aufbau eines formularen Essay.

Fragment vom Buch Fünfter Kasten – (Kalenderbuch)
Hierin führt Körner eine Art Tagebuch – vor der Flucht Ende 1979 im Osten – bis ins Jahr 2005.

Fragment von der Weltanschauung
Dieses Fragment zeigt sich als eine geplante Aufführung im Theater mit Akten, Szenen mit Wortmaterial, das zwischen den Figuren gesprochen werden könnte: Die handelnden Figuren werden auf vier Ebenen gespiegelt, u.a. werden Figuren aus Klingsohrs Märchen als Archetypen und auf die DDR transformiert. Das Stück findet jedoch nicht statt, sondern erst mit dem Lesen des Wortmaterials und seiner geeigneten Zusammensetzung durch den Leser kommt es zur Aufführung.

Fragment von der Arbeit
Dieses Fragment gilt noch als theoretischer Beitrag, daher dient es inhaltlich dazu, dem Leser seine Tätigkeit des Lesens als aktive Tätigkeit mit der Hilfe des Mythos vom Sisyphos zu erläutern und ihn so zur Erzählung seiner eigenen Geschichte zu aktivieren. 

Fragment vom Mensch
Körner führt Sprache der DDR vor und setzt sie in einen veränderten Kontext, der den Mißbrauch der Sprache offenbart. Hier nimmt er das Gesetz zur Heranbildung einer Sozialistischen Persönlichkeit auf, deren Formulierungen sich ähnlich wie die von Menschenmachern in anderen totalitären Staaten oder auch wie Homunkulus-Gestalter aus der Alchemie anhörten. 

Fragment vom Plan
Hier geht es um die Verlangsamung des Lesens, inhaltlich um Clemens von Alexandriens Wort-Teppiche (stromateis) und das Elend der Methode, das man sich selbst die Geschichte herstellen muss.

Fragment vom Staat
Dieses Fragment wird in vier sehr unterschiedliche Lesespiele unterteilt.

Lesespiel von der Hausgemeinschaft
Das Fernsehen war ein wichtiger Informationsträger und -transporteur in der DDR, der die durch Mauern und Sprachbarrieren eingeschlossenen Menschen noch über ihre Grenzen blicken liess (weil sie Westfernsehen empfangen konnten).
Inhaltlich geht es darum, dass sich eine private Gesellschaft vorm Fernsehen niederlässt und sich darin in einem Theaterstück selbst zuschaut. Auch hier werden verschiedene Lesetechniken vorgeführt bzw. herausgefordert.

Lesespiel von der Mitgliederversammlung
Dieses Lesespiel zeigt eine Parteiversammlung mit u.a. den Genossen WULB und NECK, die nicht weit von Walter Ulbricht und Honecker entfernt scheinen, als Skatspieler, deren Aussagen wie Spielkarten auf den Spieltisch fallen.

Lesespiel von der Demonstration
Hier zeigt Körner, wie wiederverwendbar die bei Jahrestagen entstandenen Fotos und Kurzfilme waren: Die Sendeleitung wählt aus dem Archiv den Fernsehbericht über den „Tag der Frau“ vom letzten Jahr, aktualisierte im Hintergrund das Datum – und fertig war der neue Bericht von diesem Jahr.  

Lesespiel vom Staatsbesuch
Als Grundlage dienten hier Berichte aus der Tageszeitung Neues Deutschland über den Staatsbesuch von Fidel Castro im Juni 1972 mit fingierten Agentenstimmen und Hintergrundinformationen im Dossier.

Fragment vom Volk – noch nicht veröffentlicht
Fragment von der Flucht – noch nicht veröffentlicht
Beide Fragmente sind fertiggestellt und sind im Archiv für unterdrückte Literatur der Bundesstiftung für Aufarbeitung der SED-Diktatur einsehbar.