Ensemblieren

Vertieft lesen und sich die Zusammenhänge selbst erschließen

Thomas Körner stellt sich vor, dass der Leser mit einer neuen Arbeitstechnik an das Lesen herangeht, weil es hier kein Blättern von Seite zu Seite (eines Buches) gibt – wie es in unserer seit Jahrhunderten eingeübten Kulturtechnik des Lesens üblich ist. Körner beschreibt das in seinem Fragment vom Buch auf einer Karteikarte:

Ensemblieren als eine neue Art zu lesen

Strukturen

Thomas Körner nennt in seinen Fragmenten auch literarische Verfahren oder Ideen zu literarischen Formen anderer Schriftsteller, die ihm als Vorbild gedient haben mögen:

Zu Strukturen zählt er u.a. Baudelaires Versbau, Trakls Bild-Wörter-Ensemble oder Arno Schmidts Berechnungen.

Strukturen bei anderen Schriftstellern

Alle diese Hinweise kann der interessierte Leser aufgreifen, entsprechende Textstellen in Körners System suchen und „ensemblieren“.

Robert Musils literarische Verfahren hat Thomas Körner aufgegriffen und versucht, darauf aufbauend neue literarische Verfahren zu entwerfen, z.B. den formularen Essay. Auf Robert Musils Vivisezieren kommt Körner immer dann, wenn er von Ensemblieren spricht:

Ensembliertechnik ist Vivisektion rückwärts

Formularer Essay

Wie kann man die neuen technischen Möglicheiten des hyperfiktiven Schreibens innovativ gestalten, sie in neue literarische Formen umsetzen?

Thomas Körner sucht nach neuen Formaten, er »versucht« innovative Schreib- und Lesarten: integrierte Lesebilder, die er „formularer essay“ nennt.

Mit dieser Fragestellung, wie man den Roman neu, anders gestalten kann, z.B. ohne Handlung, nur mit fiktiven Gesprächen und Gedanken, hatte sich auch Robert Musil in seinem Lebenswerk „Der Mann ohne Eigenschaften“ beschäftigt. Z.B. liest man in den im Anhang des Romans enthaltenen Fragmenten, dass sich Musil Gedanken machte zur Erzähltechnik, zur Darstellungsart von Zeit und von Gedanken:

„Erzähltechnik: Katakombe
Der Romancier erzählt als Ich-Erzähler die Geschichte seines Freunds Ulrich: Ich. Ein bitterer, enttäuschter Mensch. Ich erzähle objektiv, aber auch reflektiert, vom eigenen Standpunkt aus, wie ein Überlebender der Katakombe erzählt.
Oder
Darstellungsart: Gedankenbündel.
Oder
Zeit als unwirklich darstellen, als Konflikt Ulrichs mit Zeit: nicht Zeitroman, nicht synthetisch aufbauen, sondern durch ihn aufspalten.“  – aus Musil, Robert. Der Mann ohne Eigenschaften. Anhang: Frühe Studien und Ideenblätter.

Der Schriftsteller Thomas Körner hat Robert Musils Ideen aufgegriffen und versucht, ebenfalls neue literarische Formen zu entwickeln.

Formularer Essay – Aus den Schaltpunkten einer Persönlichkeit ein Schaltbild entwerfen

Körners Umsetzung: Formularer Essay – Schaltbild meiner Persönlichkeit

 

Die „Norm“ der sozialistischen Persönlichkeit

Hauptthema des Fragments vom Mensch ist der Mensch, gemeint ist hier der Neue Mensch als sozialistische Persönlichkeit. Dies war ein von der SED propagiertes Menschenideal, das mit den „Zehn Geboten der sozialistischen Moral“ 1958 auf dem 5. Parteitag der SED von Walter Ulbricht als Programm und „Richtschnur für korrektes sozialistisches Verhalten und Handeln“ ausgegeben wurde. Nachfolgend wurde die Formung von sozialistischen Persönlichkeiten als Bildungsziel im Schulgesetz von 1965 und dann im Jugendgesetz von 1974 festgeschrieben.

»Die „Norm“ der sozialistischen Persönlichkeit« ist auf der Website des Bildungsservers Berlin-Brandenburg abrufbar und enthält die folgenden 10 Gebote:

Das Fragment vom Mensch war Thomas Körner während seiner Flucht abhanden gekommen. Da die Wahrscheinlichkeit hoch war, dass die Staatssicherheit sein Manuskript einbehalten hatte, stellt der Schriftsteller diesen Textteil Jahre später aus der Erinnerung nochmals her und stellt sich vor, dass die Schriftstücke in die Schnitzelmaschine gekommen ist.

Hier geht es zum Papierschnitzel, in dem Körner die Geschichte als Homunkulusgeschichte, die Geschichte vom Neuen Menschen aus der Retorte erzählt.

Es gibt aber durchaus noch andere Geschichten von Neuen Menschen. Körners Appell: Suchen Sie sich eine passende Geschichte aus!

Robustes Mandat für den Leser

Dieser vierseitig-gestaltete Prolog dient als eine Art Vorwort für den Gesamtroman.

Der Autor gibt wichtige Hinweise, wie der Leser seinen Roman verstehen könnte.

Er erläutert u.a. darin seinen Begriff von „Satyre“. Er schreibt, dass Ironie die geistige Angelegenheit, die „Satyre“ deren materielle und weltliche Entsprechung sei. Die „Satyre“ werde zur Realie der Ironie, was im Begriff des „real existierenden Sozialismus“ umgesetzt wurde.

Zu Robustes Mandat für den Leser Seite 2: Utopie Satyre Paradies

Auf der Seite 3 des Mandats zeigt Körner zwei Beispiele für Schaltbilder.

Diese bringen durchaus interessante Zusammenhänge hervor, z.B. das deutsche Satyrspiel:

Das deutsche Satyrspiel – frei nach Thomas Körner

 

Und auf der vierten Seite beschreibt er in Kurzform die neun Fragmente und wie sie zusammen die paradiesische Gartenanlage ergeben.

Robustes Mandat Seite 4: Die paradiesische Gartenanlage