Ausflug aus dem Roman: Zur Oper R. HOT BZW. DIE HITZE – Eine avantgardistische Antwort! Auszüge aus dem Semper! Magazin der Saison 2015/2016 zur Premiere am 11. Dezember 2015

Zur Premiere der Oper R.HOT BZW. DIE HITZE von Friedrich Goldmann und Thomas Körner schreibt das Semper! Magazin:

Aber heißt das GELEBT?

Das Libretto schrieb Körner in Anlehnung an das Drama „Der Engländer“ von Jakob Michael Reinhold Lenz, der als Vertreter des Sturm und Drang 1775/76 „seiner Titelfigur einen guten Teil der verzehrenden Hitze einschrieb, die ihm selbst brannte.“ – Zitat aus dem Artikel im Semper! Magazin No.3 2015/2016, S. 18-20.

Diese Figur Robert Hot wird als Alter Ego des Schriftstellers Lenz gesehen.

Weiter liest man im Magazin:

Körner und Goldmann schreiben keine Oper, sonder eine »Opernfantasie« ; kein reflektiertes, klassisch strukturiertes Kunstwerk, sondern ein »überhitztes« Gedankenspiel, in dem alles durchknallt. 112 dramatische, komische und phantastische Posen, Momentaufnahmen, die manchmal nur wenige Takte und Worte dauern. Posen sind „der Moment, an dem der Föhn in die Wanne fällt. Und dann ist das Licht aus“, denkt der Sprachsezierer Körner die Lenz’sche Bildwelt weiter.

In der Oper findet das Stück ein utopisches Ende als Erfindung von Goldmann und Körner, die ihrem Hot anders als in der Vorlage eine Überlebenschance einräumen wollten, eine Möglichkeit, in einer Gesellschaft seinen Platz zu finden, in der Typen wie er eigentlich nicht vorgesehen sind.

Zitat weiter:

Das Aufbegehren gegen Autoritäten aller Art ausgerechnet in der DDR in ein Stück Neue Musik zu packen, scheint aus heutiger Sicht ebenfalls ein utopisches Unterfangen. Doch 1971 war Walter Ulbricht als Staatschef abgesetzt worden, es ging ein befreites Atmen durch die Kunstszene, Tauwetter herrschte auf den Bühnen, alles oder zumindest viel mehr schien möglich. Körner und Goldmann ließen sich mitreißen von dieser allgemeinen Aufbruchsstimmung, ihre Opernfantasie entstand in einem begeisterten Rausch.

Doch … der langsam mahlende reale Theaterbetrieb legte dem euphorischen Duo Steine in den Weg. Erst 1977, drei Jahre nach Beendigung des Werkes , fand im Apollo-Saal der Staatsoper Berlin die Uraufführung statt. …

Herausstechend aus der deutschen Opernlandschaft, wurde das Werk bald darauf in Stuttgart, Schwerin, Braunschweig und Hamburg gezeigt, bevor es 1986 am Kleinen Haus Dresden erstmals aufgeführt wurde.

Für Goldmann, der 2009 starb, ist es sein einziges Musiktheaterstück geblieben. Sowohl auf die Musiker als auch auf die Sänger warten besondere Herausforderungen in diesem Stück, wenn Hot von seinen Gefühlen übermannt wird.

„Kann diese Verwirrung von Gefühlen eine Sprache finden?“ – Dieses Lenz-Zitat ist der Partitur vorangestellt.

Goldmann und Körner geben darauf eine Antwort, die nicht nur innerhalb der DDR-Musik avantgardistisch war, sondern nach wie vor ein intensives, mitreißendes Erlebnis bleibt. – Ende des Zitats.

Auszug aus einem Interview von Anne Gerber:

„Vielleicht sind wir ja die Verrückten“ – Regisseur Manfred Weiss über Lenz, Hot und andere faszinierende Außenseiter

Lenz habe einmal gesagt, er wolle nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern hunderte. In Körners Libretto spiegelt sich diese Idee in dem Prinzip der Posen wider: Jede Pose ist eine Erzählung für sich, …

Hot thematisiert das Aufbegehren der junge Generation gegen die ältere – typisch für den Sturm und Drang, aber nach Weiss‘ Ansicht auch für die heutige Jugend geeignet:

Es geht nicht nur um den Widerstand, sondern auch darum, einen eigenen Lebensentwurf, eine eigene Perspektive für die persönliche Zukunft zu entwickeln. Wir neigen dazu, jeden, der nicht reinpasst, als Verrükten, Außenseiter oder Aussteiger abzustempeln. Aber vielleicht sind wir ja die Verrückten? …

Die Fortsetzung des Interviews findet man auf S. 21 des Semper! Magazins No. 3.

Das Semper! Magazin No. 3 2015/2016 kann hier eingesehen werden.

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